Die Zweimilliardenfrage
Eine Rubrik bei EigenartigeWelt.de heisst What’s going on?! Darin wollte ich über Themen schreiben, die aktuell sind oder die die Menschen gerade beschäftigen. Ich merke gerade, dass auch eine Variante Sinn machen kann, die nicht nur allgemein die Frage “beantwortet”, was gerade so passiert, sondern auch (m)einen ganz persönlichen Ansatz ins Spiel bringen kann. Also: Was geht ab?!
Seit vor zehn Tagen das neue Jahr auch im Job wieder angefangen hat, stellt sich für mich permanent die Frage nach der (Re-)Organisation. Wie organisiere ich mich und meine Arbeit, wie das Unternehmen, für das ich arbeite? Wie organisiere ich mein Leben, und will ich letzteres überhaupt?
Als ich Ende letzter Woche in Berlin war, überfiel mich scheinbar plötzlich die Erkenntnis, dass es ohne Remember The Milk, Evernote und andere Hilfsmittel nicht mehr geht. Der gute alte Kalender, egal, ob mit dem Handy synchronisiert oder nicht, reicht (schon lange) nicht mehr.
Was war passiert? Ich hatte schlicht und einfach etwas vergessen, irgendwo im Bermuda-Dreieck zwischen persönlichem Kontakt, Delegieren und Terminabsprache und -bestätigung. War oder ist das so schlimm, gar dramatisch? Jein. Ich hatte wie gesagt lediglich etwas vergessen. Andererseits war es ein letzter warnender Hinweis darauf, dass mit wachsenden und neudefinierten Aufgaben im Beruf und ebenso wirkenden privaten Ansprüchen weder mein altes, das aktuelle, noch ein komplett neues System helfen würden, mich - in jeder Hinsicht - nicht zu verlieren.
Was ist die Alternative? Zettelwirtschaft und latenter Perfektionismus (so wie früher)? Technikhörigkeit und Ab- bzw. Aufgabe des “Mitdenkens” (daher nannten und nennen wir PDAs oder iPhones gerne auch Hirnprothese)?
Fest steht: Die Karten werden (ohnehin) jeden Tag neu gemischt. Das liegt bereits in der Natur unseres Daseins. Heute ist Kommunikation durch Internet, Handy etc. auch nicht mehr das Gleiche wie vor zehn oder gar 20 Jahren. Veränderung ist auch immer ein dynamischer, grundsätzlich heilsamer Prozess. Sie ist Motivator, Zwang, Antrieb, Überraschung und Entwicklung. Leben eben.
Die Debatte zwischen Zukunftseuphorikern und Kulturpessimisten hatte mich hier zuletzt bereits zu mehreren Beiträgen bewegt. In der SZ vom 9. Januar ist unter dem Titel Die Zweimilliardenfrage ein sehr lesenswerter Artikel über die Wechselwirkung zwischen dem Denken des Menschen und der Nutzung des Internet erschienen. (Auch an dieser Stelle noch einmal Bedauern darüber und Kritik daran, dass solche Artikel bei sueddeutsche.de nicht frei zugänglich sind, würden sie der Diskussion doch gerade zuträglich sein!) Das Onlinemagazin Edge hat in seiner jährlichen Grundsatzfrage 131 Künstler, Wissenschaftler und Autoren um Auskunft darüber gebeten, ob und inwieweit das Internet das Denken verändert. Der geneigte Leser kann in Edge - frei zugänglich! - nachlesen, was einige der befragten Herrschaften geantwortet und an sich selber festgestellt haben. Dass die Antworten bereits in sich ambivalent daher kommen, versteht sich fast von selbst und zeigt die scheinbare Unvereinbarkeit der beiden Lager, jedenfalls in der Debatte.
Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich bin für bezahlten journalistischen Content im Internet, allerdings in einer gewissen Ausgewogenheit, so dass wesentliche Beiträge auch kostenlos oder zeitversetzt abrufbar sind. Ich behaupte: Wer hier in den nächsten zwei Jahren ein technisch, urheberrechtlich und wirtschaftlich ausgewogenes System entwickeln und etablieren kann, der braucht sich für “einige” Jahre keine Sorgen mehr zu machen.
Am Ende des SZ-Artikels wird die Ausgangsfrage umgedreht: Wie passt sich das Netz unserem Denken an? Das ist für mich zwar eher eine technische Frage, doch sie fragt auch nach einer Entwicklung. Sie ist auch Leben.
Im Kern geht es für mich nicht so sehr, zumindest nicht an erster Stelle, um das Denken, sondern um das Handeln: Wie verhalte ich mich, wie verändern das Internet und andere moderne Kommunikationsmittel mein Verhalten und das meiner Mitmenschen? Dabei soll es gelegentlich auch vorkommen, das erst gedacht, und dann gehandelt wird. Zumindest kann das recht hilfreich sein.
Was mich betrifft: Ich habe mir gerade Remember The Milk runtergeladen und suche noch ein Plätzchen dafür auf meinem völlig überfüllten iPod Touch.
Es kann alles nur besser werden, ich wünsche weiterhin einen guten Start in das noch junge Jahr!