Weiß wie Schnee
Samstag, Januar 30th, 2010Der Junge saß auf der Schaukel, die sich an Ketten sachte vor und zurück bewegte. In die kühle Stille hinein dampfte regelmäßig die Atemluft aus seinem Mund, so wie hier im Sommer regelmäßig halb- und viertelstarke Jungs saßen, und rauchend den Spielplatz und dessen Einrichtungen in Beschlag nahmen.
Die Ruhe täuschte. Sie lag wie der frische Schnee über einer scheinbar überschaubaren Fläche, deren Abgründe bei Tauwetter oder durch andere Ereignisse jederzeit zum Vorschein kommen konnten. Mark saß bereits seit einer Stunde hier und starrte in den Schnee. In seinen Ohren wiederholte sich das geliebte Knirrschen der geballten Schneekristalle unter jedem seiner Schritte, die ihn hierher getragen hatten in einer endlosen Schleife. Den beständigen Impuls aufzustehen, und das Geräusch zurück in die Gegenwart zurückzuführen, konnte er nur mühsam unterdrücken. In seinem Kopf reihten sich Bilder aneinander, die er gelegentlich auch durch den Schnee hindurch schimmern sah.
Er liebte die Reinheit des weißen Niederschlags, die bedächtige Ruhe seiner Aufhäufung und den kalten Glanz seiner Decke. Der Versuch, das Wissen über das in der Nacht Geschehene und auch sich selbst zu verstecken, war am frühen Morgen im gefrorenen Sand inmitten der Gerätschaften hundert Meter von seiner Schule entfernt gescheitert. Er war hier gestrandet im Schneetreiben, und war sich hier und da nicht mehr sicher, wo die Grenzen zwischen innerer und äußerer Welt lagen.
Der weiße Anzug vor seinen Augen hätte ihm gut gestanden - im Inneren, in seiner Brust, die leidlich zugeschnürt war und einen nicht gastfreundlichen Geschmack von Fülle und Bitterheit vom Hals bis in seinen Mund schickte.
So war das also, dachte er. Niemals hätte er geglaubt, das Kälte im Inneren größer und mächtiger sein könnte als ein Wintersturm mit Schneeverwehungen und Temperaturen, die die Gesichter zu Fratzen verzerren konnte. Gesichter, die eben noch bekannt und vertraut schienen und jetzt fremd und bedrohend unter der Schneedecke und in seiner Erinnerung lauerten. Wie gelähmt saß er auf dem schwarzen Hartgummi der Schaukelsitzfläche, seine Arme wie Schlangen um deren als Aufhängung installierte Ketten gewunden.
Immer wieder kamen die Bilder der Nacht zurück. Sie drängten, heulten und blitzten vor seinen Augen auf, beleuchtet durch das Weiß der Umgebung. Die Schreie waren nicht mehr so laut, wirkten jetzt aber umso bedrohlicher. Waren es Möwen am Deich, die schrill vor Kälte und Polarwind den Nordseegezeiten wirre Worte opferten? Waren es Laute von einem Menschen oder nur der erhoffte, immer stärker herbeigesehnte Traum, der jede Sekunde zu Ende gehen musste?
Er senkte den Kopf und bemerkte die rote Farbe, die durch den Schnee hindurch schimmerte. Mit zunehmenden Tageslicht konnte er sich dieser Wahrnehmung immer sicherer sein. Seine Hände schmerzten trotz der Handschuhe und jedes Schlucken tat entsetzlich weh.
Hatte er selbst geschrien, endlos und über seine Stimmkraft hinaus? Mark versuchte zu sprechen, doch sein Körper versagte den Gehorsam. Die feine Kälte schmiegte sich sickernd an sein Gesicht und Schneeflocken nutzen den Spalt zwischen Wollmütze und Schal, um sich in seinem Nacken bemerkbar zu machen. Er spürte die Schwere des Bodens. Sein Herzschlag pulsierte im Ohr und er spürte ihn durch die Jacke hindurch in der Brust bis in den Boden hinein.
Würde der Schnee jemals wieder so weiß sein?